Aber wenn ich doch Recht habe

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Rechthaben in der Beziehung: Warum es in Partnerschaften mit kleinen Kindern so oft zu Konflikten kommt

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich bin mir relativ häufig sicher, dass ich mit bestimmten Dingen einfach recht habe.

Heute war es wieder so:
Beim Frühstück mit den Kindern ging es darum, dass sie unbedingt eine Mütze aufsetzen sollten, weil sie sonst Ohrenschmerzen bekommen könnten. Später am Telefon habe ich versucht zu erklären, dass man sich auch mit fleischloser Ernährung gesund und ausgewogen ernähren kann. Und dann wäre da noch mein Partner, der endlich verstehen könnte, dass mein „Ordnungssystem“ in der Wohnung durchaus seine Logik hat.

Kommt euch das bekannt vor?
Gerade in Familien mit kleinen Kindern entstehen solche Situationen ständig.


Warum es in Partnerschaften oft ums „Recht haben“ geht

In meiner Arbeit im Paarcoaching erlebe ich sehr häufig, dass Paare mir unbewusst die Rolle des Schiedsrichters geben wollen.
Jede Seite möchte mich davon überzeugen, dass die eigene Sicht der Dinge die „richtige“ ist – und dass der andere im Unrecht ist.

Doch genau hier beginnt das Problem:
Rechthaben in der Beziehung wird schnell zu einem Machtkampf.


Rechthaben in der Beziehung kann schnell zum Machtkampf werden

Recht haben zu wollen ist zutiefst menschlich. Es kann sich sogar gut anfühlen.
Es gibt uns Sicherheit, Kontrolle und manchmal auch ein Gefühl von Überlegenheit.

Wenn der andere unserer Meinung folgt, fühlt es sich an, als hätten wir „gewonnen“. Und ganz ehrlich: Das kann kurzfristig auch befriedigend sein.

Doch wenn es in einer Partnerschaft – besonders im Familienalltag mit Kindern – dauerhaft darum geht, wer recht hat, entsteht etwas anderes:

  • Streit eskaliert schneller
  • Kommunikation wird verletzender
  • Nähe geht verloren
  • Es entsteht ein Gefühl von „Gewinnen oder Verlieren“

Die Rechthaber-Falle in der Partnerschaft

Wenn ihr merkt, dass sich eure Konflikte immer wieder im Kreis drehen und es vor allem darum geht, wer recht hat, seid ihr möglicherweise in der sogenannten Rechthaber-Falle in der Beziehung gelandet.

Typische Anzeichen:

  • Gespräche enden oft im Streit
  • Beide wollen überzeugen statt verstehen
  • Es geht mehr um Prinzipien als um Lösungen
  • Einer oder beide fühlen sich nicht gesehen

Was passiert, wenn wir unbedingt recht haben wollen?

In solchen Momenten passiert vieles gleichzeitig:

  • Wir investieren viel negative Energie in unseren Standpunkt
  • Stress und emotionale Anspannung steigen
  • Unser Blick wird eng und starr (Tunnelblick)
  • Wir wollen „nicht nachgeben“, um nicht zu verlieren

Dabei passiert etwas Entscheidendes:
Wir nehmen die Wahrnehmung unseres Partners oder unserer Partnerin weniger ernst oder blenden sie sogar aus.

Damit verlassen wir die Ebene von Gleichwertigkeit – und genau das macht Konflikte in der Beziehung so schwierig.


Jede Beziehung lebt in einer „doppelten Wirklichkeit“

Ein wichtiger Gedanke in der Paartherapie ist:
Jeder Mensch nimmt die Realität anders wahr.

Unsere Wahrnehmung wird beeinflusst durch:

  • Erfahrungen aus der Kindheit
  • Erziehung und Prägung
  • Werte und Überzeugungen
  • aktuelle emotionale Zustände

Das bedeutet:
Wir sehen Situationen nicht objektiv, sondern gefiltert.

Deshalb kann es sein, dass zwei Menschen dieselbe Situation völlig unterschiedlich erleben – und beide aus ihrer Sicht „recht“ haben.

In einer Familie bedeutet das ganz praktisch:
Es gibt nicht nur eine richtige Art, die Spülmaschine einzuräumen, die Kinder anzuziehen oder den Alltag zu organisieren.


Warum Rechthaben in der Partnerschaft selten hilft

Der Paartherapeut Michael Lucas Möller beschreibt, dass jedes Paar in einer doppelten Wirklichkeit lebt.

Und genau deshalb führt Rechthaben so oft nicht zu Lösungen, sondern zu Distanz.

Denn wenn es nur darum geht, recht zu haben:

  • wird weniger gefragt und mehr bewertet
  • wird weniger verstanden und mehr argumentiert
  • entsteht weniger Verbindung und mehr Abgrenzung

Was stattdessen in der Partnerschaft hilft

Es geht nicht darum, nie wieder zu streiten – im Gegenteil.
Gerade Eltern mit kleinen Kindern brauchen Konflikte, um sich abzugrenzen und eigene Bedürfnisse sichtbar zu machen.

Wichtiger als Rechthaben ist deshalb:

  • Verstehen, warum der andere so denkt
  • Über Bedürfnisse sprechen statt über Schuld
  • Unterschiede aushalten können
  • Die eigene Sicht nicht als einzige Wahrheit sehen

Die entscheidenden Fragen sind nicht:
„Wer hat recht?“

Sondern:

  • „Was ist dir dabei wichtig?“
  • „Was brauchst du gerade?“
  • „Wie können wir eine Lösung finden, die für uns beide funktioniert?“

Fazit: Rechthaben macht keine Beziehung besser

Rechthaben in der Beziehung bringt selten Nähe – aber oft Distanz.
Gerade im Alltag mit Kindern, Stress und wenig Zeit lohnt es sich, aus dem „Gewinnen-Verlieren-Denken“ auszusteigen.

Denn echte Verbindung entsteht nicht dadurch, dass einer recht hat –
sondern dadurch, dass beide sich gesehen und verstanden fühlen.

Wie deine Gedanken deine Konflikte beeinflussen

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„Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile? Vielleicht hat er die Eile nur vorgeschützt, und er hat was gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts getan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht´s mir wirklich. – Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch bevor er „Guten Tag“ sagen kann, schreit ihn unser Mann an: „Behalten Sie Ihren Hammer“.

Diese Geschichte ist aus Paul Watzlawicks Buch „Anleitung zum Unglücklichsein“ und zeigt, weil wie sehr unsere Gedanken unsere Gefühle, Handlungen und unser Verhalten im Konflikt beeinflussen können.

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